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    AnnÄherung an eine Bildhauerin:
MARIA ELISABETH STAPP
     

Maria Elisabeth Stapp
  Im Jahre 1995 starb die Bildhauerin Maria Elisabeth Stapp im Alter von 87 Jahren und hinterließ ein umfangreiches Werk, das zwar in die Öffentlichkeit vor allem des oberschwäbischen Raumes integriert, dessen Entstehungs- und Wirkungsgeschichte aber weithin unbekannt ist und dringend der wissenschaftlichen Aufarbeitung bedarf.
Maria Elisabeth Stapp verlebte ihre ersten 6 Lebensjahre in dem bunten und traditionsreichen Städtchen Riedlingen an der Donau, wo sie am 20. Februar 1908 als Kind eines Kaufmanns und Erfinders das Licht der Welt erblickt hatte. Zweifellos sind Prägungen aus diesen frühen Kindheitsjahren, so die vielseitigen Familieninteressen, intensive visuelle Eindrücke der allemannischen Fastnacht und des schwäbischen Barock auch nach der Übersielung der Familie im Jahre 1914 nach München lebendig geblieben.
Dazu kamen weitere wichtige Prägungen durch religiöse und künstlerische Einflüsse mit der Konsequenz einer klaren und unwiderruflichen Berufswahl. Für die religiöse Welt steht der spirituelle Aufbruch aus dem Benediktinerkloster Beuron, für die künstlerische die Münchner Akademie der Bildenden Künste, mit der so klangvolle Namen wie Lovis Corinth, Wassilij Kandinsky, Paul Klee und Franz Marc verbunden sind.

Schon in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts war im Benediktinerkloster Beuron unter Förderung durch den Erzabt Maurus Wolter eine Kunstrichtung entstanden, die einen Gegenpol zur gefühlsseligen naturalistischen Kirchenausstattung bilden und zu einer liturgiegerechten Form führen wollte.
     
Einer der ersten Theoretiker der Beuroner Kunst ist der Architekt und Bildhauer Peter Lenz, der 1898 die Schrift „Zur Ästhetik der Beuroner Schule“ herausgab, in der er eine „heilige Kunst“ mit Elementen einer ästhetischen Geometrie und den Zahlenproportionen der Ägypter entwarf. Bald entwickelte sich eine Arbeitsgruppe von Bildhauermönchen, die auch auswärtige Aufträge ausführten. Die Beuroner Kunst erlebte Höhen und Tiefen und wirkte vor allem durch ihre theoretischen Exkurse, mit denen Maria Elisabeth Stapp früh in Berührung gekommen sein muß, zumal sie sich in besonderer Weise zur benediktinischen Lebensweise hingezogen fühlte.

Dieser Lebensweise war sie in der nach dem ersten Weltkrieg auch in München mächtig aufbrechenden katholischen Jugendbewegung begegnet, und sie schloss sich einem Kreis junger Frauen an, die seit 1926 regelmäßig zusammenkamen, um das monastische Stundengebet zu beten. Aus diesem Kreis entwickelte sich allmählich mit Unterstützung der Benediktinerklöster Beuron und Ettal eine an der Regel des heiligen Benedikt orientierte klösterliche Lebensform und Gemeinschaft, die sich den Namen „Venio“ gab. Im Jahre 1927 trat sie unter dem Namen Schwester Hermana dem äußeren Kreis der Beuroner Gemeinschaft bei. Ihr ausgeprägter Individualismus, der von kreativen Impulsen dominiert wurde, ließ sich auf die Dauer nicht mit einem klösterlichen Gemeinschaftsleben vereinbaren. Das benediktinische Ora et Labora – bete und arbeite – blieb ihr jedoch durch ihr ganzes Leben oberste Richtschnur.
 
Kreuzzeichen
     
  Ihre künstlerischen Studien absolvierte Maria Elisabeth Stapp an der Münchner Akademie vor allem unter dem Bildhauer Josef Henselmann (1893-1987), der ihr auch eine gründliche handwerkliche Ausbildung vermittelte. Die Akademie hatte nach dem ersten Weltkrieg zwar nicht mehr die Qualität erreicht, die sie um die Jahrhundertwende gehabt hatte, bot aber immer noch die Möglichkeit gediegener Ausbildung, bevor die von Adolf Hitler persönlich protegierten Künstler wie Josef Thorak und Adolf Ziegler allein die Maßstäbe bestimmten.
Maria Elisabeth Stapp begann ihre öffentliche Wirksamkeit in einer für sie recht günstigen Ausgangslage, in einer Zeit der Sinnsuche und der religiösen Neuorientierung, die nach einem adäquaten Ausdruck auch in der Kirchenausstattung verlangte, eine Entwicklung, die durch den zweiten Weltkrieg unterbrochen, danach aber weitergeführt wurde. Der Boden war bereitet, die Resonanz entsprechend. Auf Grund ihrer Beuroner Prägung schuf Maria Elisabeth Stapp fast ausschließlich religiöse Kunst, vorwiegend Plastiken. Gelegentlich hat sie auch gemalt. Ihre Gestaltungsmöglichkeiten umfassen sowohl Plaketten und Medaillen, als auch Monumentalplastiken, die ihre Wirkung nach wie vor an vielen oberschwäbischen Orten verbreiten und die Blicke auf sich lenken. Zwischen diesen beiden Polen entstanden zahlreiche kirchliche Ausstattungsstücke wie Tabernakel, Leuchter, Kruzifixe, Weihwasserbecken und zahlreiche Statuen, nicht zu vergessen auch die eindrucksvollen privaten und öffentlichen Grabmäler. Ein Datierungs- und Bewertungssystem kann erst mit einem umfassenden Werkverzeichnis entwickelt werden.
     
Von ihren Vater wurde Maria Elisabeth Stapp auf den Mooshauser Pfarrer Joseph Weiger aufmerksam gemacht, der zum Freundeskreis der Familie gehörte. Auch Pfarrer Weiger hatte tiefe Wurzeln in Beuron. Er hatte ein Noviziat in der Erzabtei begonnen, konnte aber aus gesundheitlichen Gründen nur als Benediktiner-Oblate verwirklichen und musste sich mit der winzig kleinen Pfarrstelle Mooshausen in der Nähe von Memmingen zufrieden geben. Seine Kommunikation war auf die ständig wachsende Bibliothek und einen kleinen, aber hochkarätigen Freundeskreis angewiesen, in dem ein Gefährte aus Studienzeiten, Romano Guardini, an vorderster Stelle stand. Aus diesem Kreis entwickelte sich für Maria Elisabeth Stapp der stärkste und wichtigste Schaffensimpuls, der die eingeschlagenen Wege mit unerwarteter Intensität weiter führte und für nur Geahntes und noch Gestaltloses den Durchbruch brachte. Mooshausen wurde für Maria Elisabeth Stapp zum kreativen Biotop, zur geistigen und später auch zur realen, stets spirituell ausgerichteten Werkstatt, ein einmaliges Phänomen in der künstlerischen Landschaft Deutschlands. Das Pfarrhaus Mooshausen wurde zum Begegnungsort, zum Informations- und Konsultationszentrum, hier erfuhr Maria Elisabeth Stapp Wesentliches und Zentrales, das, was später Beratungs- und Entscheidungsgegenstand des Konzils wurde. Hier wurden Prozesse in Gang gesetzt und abgeschlossen. Die kreative Atmosphäre des Hauses ließ vieles entstehen. Über 30 Jahre hat Maria Elisabeth Stapp in Mooshausen gelebt.  
Pfarrer Joseph Weiger
     
    Werkbetrachtung
     

Rosa von Lima
 

An dieser Stelle soll in unregelmäßiger Reihenfolge ein Kunstwerk von Maria Elisabeth Stapp vorgestellt werden. Am Beginn dieser Reihe steht eine ihrer letzten Schöpfungen, das Porträtrelief der heiligen Rosa von Lima, dessen Entstehung in einem geheimnisvollen Zusammenhang mit dem Werden des neuen Freundeskreises zu sehen ist.
Auftraggeberin dieses Werkes war Elisabeth Prégardier als stellvertretende Ge-schäftsführerin der Bischöflichen Aktion ADVENIAT zur Unterstützung der Kirche Lateinamerikas. Über diese erste Begegnung schreibt sie:

Am 6. Juni 1985 stand ich zum ersten Mal vor der alten ehrwürdigen Eingangstür des Pfarrhauses in Mooshausen, zog am Glockenstrang, und alsbald öffnete sich die Tür, und ich stand der Bildhauerin Maria Elisabeth Stapp gegenüber, die mich eindringlich prüfend mit ihren blauen Augen anschaute. Wahrscheinlich sah sie dieser ersten Begegnung mit ähnlicher Spannung entgegen wie ich.
Was hatte mich in diesen kleinen oberschwäbischen Ort geführt? Am 30. Au-gust 1961, dem Festtag der heiligen Rosa von Lima, begründet, sah das Hilfs-werk ADVENIAT seinem 25jährigen Bestehen im Jahr 1986 entgegen. Beein-druckt von dem Relief der heiligen Gertrud von Helfta, das Maria Elisabeth Stapp 1953 für die Bundeszentrale des Frauenbundes in Köln geschaffen hatte, hatte ich den Wunsch, dass zum Adveniat-Jubiläum ein Relief von Rosa von Lima, der Patronin Lateinamerikas, gestaltet werden sollte.
Maria Elisabeth Stapp nahm den Auftrag an, obgleich sich die Siebenundsieb-zigjährige seit 15 Jahren aus Krankheitsgründen nicht mehr mit größeren Arbeiten beschäftigt hatte. Es zeigte sich bald, dass dieser Auftrag ihr neue Energie und Schaffenskraft verlieh, und schon im Oktober 1985 konnten wir das aus Ton geformte Relief betrachten und vorsichtig von seiner Arbeitsfläche ablösen, damit es gebrannt werden konnte.
Das bei dieser Gelegenheit entstandene Foto zeigt die Freude der Künstlerin über das gelungene Werk. Leider erfolgte wenig später eine herbe Enttäu-schung, denn das Tonrelief hielt dem Brennprozeß nicht stand und zersprang in viele Scherben. Maria Elisabeth Stapp machte sich noch einmal an die Arbeit und ließ das Relief vorsorglich in Bronze gießen.

     

Die Künstlerin und ihr Werk
  Das lebendige Situationsfoto zeigt ein glückliches altes Gesicht neben einem nach innen gewandten jugendlichen Antlitz. Ein Relief mit der Wirkung eines Tafelbildes, aus dem noch barocke Elemente nachwirken.
Rosa von Lima, Tochter spanischer Eltern, lebte von 1568 bis1617 in Peru. Sie erhielt den Namen Rosa, da ihre Mutter nach der späteren Legende bei der Taufe eine Rose über ihrer Tochter schweben sah. Gegen den Willen der Eltern, die die Hochzeit schon geplant hatten, schloss sie sich 1606 als Terziarin dem Dominikanerorden an und führte ein streng asketisches Leben. Rosa gründete das erste kontemplative Kloster Südamerikas, das Kloster der heiligen Katharina von Siena, setzte sich für die Krankenpflege ein, engagierte sich in der Glaubensverkündigung und ermahnte die Priester zu einem ordentlichen, geistlichen Leben.
Das Relief zeigt die Heilige als geistliche Braut mit ihren vielschichtigen Sinnbildern Rose, Herz und Kreuz und zeugt vom Nachwirken alter christlicher Bildvorstellungen in einer Zeit der Umbrüche, des Esoterikbooms und der zunehmenden Entkirchlichung. Es entstand nach einer längeren Schaffenspause und setzt einen späten Markierungspunkt in einem langen Künstlerleben. Und es bildet einen Übergang zum neuen Freundeskreis Mooshausen, der sich von diesem Zeitpunkt an zusammenfand.
Dr. Renate Krüger
     
 
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www.mooshausen.de